Mehrfamilienhäuser/Büro & Arbeit

Tribschen

Anstelle eines Berichts: Ein Interview

Auftragsart

Wettbewerb

Bauherrschaft

Privat

Jahr

1998

Adresse

Tribschenstrasse
6005 Luzern

Visualisierungen

  • Scheitlin Syfrig Architekten

Neue Luzerner Zeitung (NLZ): Ihr Vorschlag für die neue Überbauung auf dem Werkhofareal weicht vom Entwurf des Bebauungsplans 132 ab. Warum?

Architekt (A): Er weicht nur im baujuristischen Sinne davon ab, nicht aber in den städtebaulichen Zielen.

NLZ: Was sind das für Ziele?

A: Im Zentrum steht die Idee der Architektinnen Hubacher und Widmer, einen kollektiven Lebensraum zu schaffen, in dem individuelles Wohnen in den verschiedensten Formen möglich ist.

NLZ: Was verstehen sie unter dem Begriff »città per parte«?

A: Er beinhaltet gleichsam unsere Idee: Wir schlagen nicht einfach ein raffiniertes Bebauungsmuster vor – solche gibt es in den Vororten zur Genüge. Nein, wir träumen von einer Stadt in der Stadt, von einem individuellen, unverwechselbaren Ort, so wie dies Altstadt, Neustadt und Vorstadt sind.

NLZ: Aber warum «per parte» – in Teilen?

A: Jede lebendige Stadt besteht aus unterschiedlichen Teilen. In unserem Entwurf sind die wichtigsten Wohntypen von Luzern als generative Teile versammelt: die Zeilenbauten der städtischen Randsiedlungen, die Reihenhäuser der Gartenstädte, die Hochhäuser vom Aaltobau bis zur Fluhmühle, der Hof mit Gärten aus dem Neustadtquartier und der Park als grüne Lunge.

NLZ: Ausgangspunkt war demnach ein spezifisches Bild dieser neuen Stadt?

A: Ja, das ist unser Entwurfsprinzip: Wir gehen vom Ganzen aus und suchen dann die passenden Teile für die Komposition. Das Resultat sind nicht nur die einzelnen Baukörper, sondern im Besonderen auch das Dazwischenliegende: die öffentlichen und privaten Aussenräume. Und weil sich alle Teile aufeinander beziehen, entsteht trotz der Vielfalt eine Einheit.

NLZ: Muss diese Stadt in der Stadt fertig gebaut sein, bis sie ihre räumliche Wirkung entfalten kann?

A: Nein, überhaupt nicht. Wir arbeiten ja mit klardefinierten Teilen, die für sich gebaut werden können und an sich schon eine eigene Identität haben. Sie funktionieren räumlich und betrieblich ohne die andern Teile. Das ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber einem Kompositionsmuster, das irgendwo anfängt und irgendwo aufhört.

NLZ: Ich möchte noch etwas mehr über diese Teile erfahren. Worin liegen die Unterschiede? Was sind ihre spezifischen Qualitäten?

A: Die Teile oder Kompartimente, wie man sie auch nennen könnte, unterscheiden sich nicht nur typologisch, sondern auch materiell voneinander. Die Zeilenbauten sind aus weiss verputztem Stein, die Reihenhäuser aus Holz, der Hof besteht aus Sichtbackstein und die Hochhäuser aus Beton, Stahl und Glas in unterschiedlichen Transparenzen. Die Zeilen haben sowohl eine Beziehung zum Park als auch zu den angrenzenden Quartieren. Die Reihenhäuser bieten individuelles Wohnen mit eigenem Garten. Der Hof beinhaltet gemeinsames Wohnen in verschiedensten Appartementsgrössen. Das Hochhaus schliesslich vermittelt ein Wohnerlebnis mit herrlicher Aussicht auf den Pilatus, das Luzerner Seebecken, die Stadt und die Rigi.

NLZ: Definieren diese Kompartimente gleichzeitig auch die einzelnen Bauetappen?

A: Ja, sämtliche Investoren können ihre Bereiche unabhängig voneinander realisieren. Sie erstellen dabei unterschiedliche Wohnungstypen oder -produkte in vielen Variationen und Preislagen, ohne sich dabei gegenseitig auf engstem Raum zu konkurrenzieren.

NLZ: Ist ein Hochhaus nicht eine Wohnform, die heute out ist?

A: Nein, im Gegenteil. Diese Form ist heute auch in andern Städten wieder sehr aktuell. Die Konzentration von Wohnungen in »Residential Towers« führt zu grossen zusammenhängenden Freiräumen. In Kombination mit einem breiten, horizontal angelegten Wohnungsangebot, ist die vertikale Stadt eine sinnvolle Ergänzung und eine Optimierung unserer heute sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Wohnen.

NLZ: Würden sie selber gerne in einem Hochhausleben.

A: Ja, sehr gerne. Am liebsten natürlich in einem Penthouse. Die bestehenden Hochhäuser – zum Beispiel das von Alvar Aalto – sind immer vollvermietet.

NLZ: Gibt es keine Probleme mit dem Baugrund?

A: Unser Bauingenieur hat die Geschosszahl bezüglich der mittleren und maximalen Pfahllasten optimiert. Verglichen mit den 5 – 6-geschossigen Bauten werden wir im Grundbau damit ca. 30% Fundationskosten pro Wohnung einsparen.

NLZ: Es fällt auf, dass der ganze Park autofrei ist.

A: Der Verkehrserschliessung haben wir grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Unter den grossen Baumassen (Hochhäuser und Hof) sehen wir je ein Parking vor, das prinzipiell von aussen erschlossen wird. Alle diese Abteilungen dienen gleichzeitig der Lastenverteilung auf die Reibungspfähle im gesamten Baugrund. Alle anderen Wohnungen haben in unmittelbarer Wohnungsnähe oberirdische Auto-Abstellplätze. Zusätzlich gibt es einen zentralen Veloparkplatz im Park.

NLZ: Wie stellen sie sich die Aussenräume vor?

A: Der Park ist ein dicht bewachsener, grüner Raum. Verschiedene Bäume, Sträucher und Tiere sollen darin Platz finden. Spielplätze aller Art (Tennis Tischtennis, Schach und mehr) sind im Gestaltungsplan integriert. Und die bereits bestehende Theaterwerkstatt wird später in ein Quartierzentrum umgebaut. Die Reihenhausgärten sind individuell gestaltet, und die Grünfläche im Hof könnte wieder zu dem werden, was sie einst war, ein Konglomerat von vielgestaltigen und vielfarbigen Gemüsegärten.

NLZ: Glauben sie, dass Ihr Vorschlag in eine Kleinstadt wie Luzern passt?

A: Wir knüpfen mit unserem Projekt an neuen Vorstellungen einer zukünftigen Stadt an. Grundlage dazu bilden die heute sehr unterschiedlichen und veränderten Formen des Lebens und Zusammenlebens: Viele Bürger leben gerne in Luzern, arbeiten aber in Zürich. Sie leben also in gewissem Sinne nicht mehr nur in der mehr oder weniger kleinen und idyllischen Stadt Luzern, sondern vielmehr in der Grosstadt Schweiz. Dies führt zu neuen Bedürfnissen und damit auch zu neuen Wohnformen. Wir sollten deshalb den Mut haben, nicht nur Altes zu wiederholen, sondern über das Gewachsene hinaus Neues zu wagen. Darin äussert sich der Glaube einer Stadt in eine lebenswerte Zukunft.

NLZ: Nach Ihren Überlegungen müsste der Bebauungsvorschlag B132 in Teilen abgeändert werden. Ist das politisch machbar?

A: Natürlich. Luzern hat in seiner Geschichte schon grössere Probleme gelöst. Wir planen einen Ort für ca. 2’500 Einwohner. Wir haben im Moment keinen zeitlichen Druck zur Realisierung. Wir können es uns also leisten, uns noch einmal grundsätzlich über die Art und Weise des Wohnens in diesem Quartier Gedanken zu machen. Denn eine Stadt, die sich nicht wandelt, steht für eine Gesellschaft, die sich nicht bewegt, wie ein Kollege kürzlich treffend bemerkte.

Tribschen, Tribschenstrasse, 6005 Luzern